Analyseverfahren Künstliche Intelligenz Big Data

Advanced Analytics III: Wie Künst­liche In­telli­genz Ver­siche­rungs­unter­neh­men bei Ent­schei­dun­gen hilft

Teil 1: Kunden, Märkte und Digitalisierung als Treiber für Big Data und Advanced Analytics
Teil 2: Definition, Schritte und Tools von Advanced Analytics
Teil 3: Einsatz von Advanced Analytics bei Versicherungen

[hier geht’s zur Summary]

Die Versicherer, so zeigen neuste Analysen, sind sich der Relevanz von Advanced Analytics durchaus bewusst.
Vermehrte Anstrengungen und die daraus resultierenden Investitionen in den Bereichen Omnichannel (kanalübergreifende Geschäftsmodelle), digitale Plattformen, automatisierte Vorgangsbearbeitungen, Big-Data-Nutzung und im Aufbau agiler Organisationen, bestätigen diese Entwicklung. Digitalisierungsfragen stehen derzeit auf der Prioritätenliste demnach ganz weit oben. Schon 2016 investierten die jeweiligen Anbieter bis zu dreistellige Millionenbeträge in den digitalen Ausbau.
Ein bereits etablierter Vorreiter bei Advanced Analytics im Versicherungssektor sind Telematik-Tarife bei KFZ-Versicherungen und im Gesundheitsbereich. Ein Blick darauf zeigt die Gründe und Vorteile der Datenerfassung und Datenanalyse.

KFZ-Telematik als Pio­nier im Ver­siche­rungs­we­sen

Individuelle KFZ-Tarife waren der erste Wurf der Versicherer in der Telematik.
Generali hat im Jahr 2006 in Italien ein telematik-basiertes Autoversicherungsprogramm gestartet und war einer der Pioniere in diesem Bereich. Mittlerweile bietet jeder Kfz-Versicherer in dieser Region mindestens einen Telematik-Tarif an.

Diese Sondertarife richten sich an Kunden, die mittels ihrer Fahrweise Beitragskosten senken möchten. Je enger sie sich an die Verkehrsvorgaben halten und je nachhaltiger sie ihr Fahrzeug fortbewegen, desto umfangreicher fällt die gesammelte Punktzahl aus. Ab einem bestimmten Punktestand lassen sich dann Rabatte erzielen. Versicherer die einen Telematik-Tarif anbieten, sind beispielsweise Allianz, Sijox, VHV, Axa, Admiral Direkt, Allianz und seit neuestem auch die Generali-Tochter AachenMünchener.

Datener­fassung bei KFZ-Tele­ma­tik-Sys­te­men

Während die im Auto zunächst fest installierten Blackboxen in den Anfängen lediglich die gefahrenen Kilometer weitergaben und somit insbesondere für Wenigfahrer interessant waren, werden heute diverse darüber hinausgehende Daten übertragen.

Telematik-Tarife stehen jedoch auch gerade wegen ihrer datenintensiven Nutzung und Auswertung durch komplexe analytische Programme massiv in der Kritik der Verbraucherschützer. Insbesondere vor einer ungleichen Behandlung durch die Preisgestaltung und vor sozialer Ausgrenzung bei Verweigerung oder Falschverhalten wird gewarnt. Vor dem Hintergrund, dass eine Kontrolle der Datenweitergabe schwierig ist, scheint die Kritik nachvollziehbar.
Aber auch hier unterscheiden sich bereits die Telematik-Tarife in ihrer grundsätzlichen Arbeitsweise. Bei manchen Versicherern wie Generali wird eine fest zu installierende Box im Fahrzeug verbaut, bei anderen wie der Axa oder Sijoux werden Fahrdaten durch ein Smartphone und eine entsprechende App erfasst. Bei der Box-Variante gibt es zwei Systeme: Auf der einen Seite die Standalone-Version, die ihre eigenen Sensoren, wie beispielsweise GPS, Fahrlage, Beschleunigung etc., mitbringt.  Auf der anderen Seite Fahrzeugdiagnose-Systeme, die sich direkt an die nahezu in allen neuen Fahrzeugen vorhandene OBD-II (On-Board-Diagnose) Schnittstelle koppeln und dort die Sensordaten abgreifen und verarbeiten.

Während man anfänglich auf Blackboxen und später auf Apps angewiesen war, um das Fahrverhalten zu messen und individuelle Beiträge zu kalkulieren, sind inzwischen in den neueren Fahrzeugen Telematik-Einheiten im Navigationssystem fest eingebaut.

Die Autofahrer selbst entscheiden bei diesen Systemen indirekt mit ihrer Fahrweise, wieviel sie mit einem Telematik-Tarif sparen. Mit welchen Parametern genau die Versicherung das Fahrverhalten bewertet, ist ein Betriebsgeheimnis der Analytik-Modelle hinter jedem dieser Tarife. Die häufigsten Parameter die von den Modellen verarbeitet werden sind: Scharfes Abbremsen, Geschwindigkeit, Nachtfahrten, schnelles Beschleunigen, Leerlaufzeit, der Straßentyp und sogar die Position.

Blackbox für individuellen KFZ-Versicherungs-Tarif
So funktioniert KFZ-Telematik mit Smartphone oder Blackbox bei Versicherungen

Vorteile für den Kun­den

Die Datenerfassung hat jedoch neben vergünstigten Tarifen auch weitere Vorteile für die Autofahrer. So können die Kunden beispielsweise mehr über ihre Verhaltensweisen hinter dem Steuer erfahren. Zudem können sie sich über die Sicherheit bestimmter Straßen oder Routen, die sie täglich oder nur sporadisch fahren, anhand der gesammelten Daten informieren. Auch können die Versicherer in Gebieten, wo aufgrund der Topologie ein signifikant höheres statistisches Risiko für einen Unfall besteht, das Fahrverhalten ihrer vernetzten Kunden positiv beeinflussen. Sinnvoll ist es besonders in Ländern wie Island, Grönland oder Norwegen wo zusätzliche Faktoren, wie extreme Wetterlagen, das Risikoprofil beeinflussen und der Nutzer von solchen Tarifen standortabhängig informiert werden könnte.
In anderen Ländern, wie den USA, sind ca. zehn Prozent der Autofahrer mit einem Telematik-Tarif versichert. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Towers Watson sanken die Unfallzahlen bei Telematik-Nutzern dort um bis zu 40 Prozent.
Zudem ist die Datenerfassung zur Alarmierung im Notfall ein sicherheitsversprechender Aspekt.
Doch auch die Versicherungsunternehmen profitieren von der neuen Transparenz: Eine nachvollziehbare Schadensbearbeitung und effiziente Schadensregulierung ist eine weitere positive Folge. Darüber hinaus kann die Beurteilung von Schadenersatzansprüchen datenbasiert erfolgen. Von aufgedeckten Betrugsfällen und so sinkenden Beiträgen profitieren wiederum die Kunden.

Die Komplexität der KFZ-Tele­ma­tik

Das Erstellen kontinuierlicher Bewertungssysteme für die Telematik-Tarifnutzer, ist aufgrund der Datenflut nicht nur eine Infrastrukturfrage. Grundsätzlich müssen all diese Parameter fortlaufend in einer Datenbank gespeichert werden. Aus einer vorab definierten Auswahl an Faktoren wird ein Kfz-Versicherungsbenchmark-Modell analysiert. Dieses beruht zunächst auf standardisierten Fahrwerten (Driving Mode) wie Teillastbeschleunigung, Spitzenwert nach geschlossenem Pedal, Kickdown nach Herunterschaltung, etc. Diese werden per Apriori-Analyse aus unterschiedlichen Fahrzeugen und Fahrdaten erzeugt. Sie bauen also auf einer immensen Datenbasis auf und helfen später in Real-time-oder Near-Time-Daten besser einzuordnen (Descriptive Analytics). Durch komplexe analytische Algorithmen können damit hunderte Kriterien zu einem Fahrprofil (Driveability) korreliert werden und das in nahezu Echtzeit. Fahrprofile können automatisch in Berichtsform dargestellt werden und durch Nutzung statistischer Trendanalyse, Frequenz Analyse oder Vergleichsdarstellungen mit Benchmark bewertet (Scoring) werden. Fahrprofil-Benchmarks können mittels Advance Analytics fortlaufend aktualisiert und an die sich stetig verändernden Lagen angepasst werden. Daraus kann eine Risikoabteilung einer Versicherung direkt Qualitätsziele für Fahr-Attribute definieren und diese wiederum als Referenz für eine neue Tarifgruppe verwenden.

Self-Traking mittels Health-Apps

Ein anderes, durchaus noch kritischer diskutiertes Thema, ist das sogenannte Gesundheits-Monitoring bzw. Selbstvermessen (Self Tracking) durch Gesundheits-Apps in Verbindung mit Versicherungstarifen.

Bereits vier von zehn Smartphone-Nutzern haben eine Gesundheits-App installiert oder nutzen Wearables, also tragbare Systeme (in Brillen, Uhren, Armbändern etc. von z.B. Google, Adidas, Nike etc.) mit Sensoren. Neben einer Reihe von konkreten Gesundheitsanwendungen, beispielsweise zur Nikotinentwöhnung, Pollenvorhersage, Blutwertanalyse oder Berechnung der Broteinheiten für Diabetiker, gibt es Programme zur allgemeinen Fitness-Optimierung. Im Vordergrund stehen die selbständige Kontrolle von Gesundheit, Leistungssteigerung, ausgewogener Ernährung, ausreichender Bewegung und die Identifizierung guter sowie schlechter Gewohnheiten.
Aber auch eine komplett digitale Krankenakte könnte ein Teil des Telematik-Prinzips werden.

Selbstvermessung und Self-Traking zur Gesundheitsoptimierung mittels Wearables und Health-Apps bei Versicherungen
Gesundheits-Telematik bei Versicherungen

Versicherungen und Gesundheits-Apps koo­pe­rie­ren

Versicherte in Frankreich (beispielsweise bei der Axa-Health-App von Samsung) oder in den USA nutzen diese Apps nicht mehr lediglich zur persönlichen Analyse. Die Nutzer haben sich damit einverstanden erklärt die Daten an Krankenversicherungen weiterzuleiten und profitieren im Gegenzug von Prämien. In Deutschland ist dieser Schritt noch nicht vollzogen, aber rund 30 Prozent der Deutschen wären schon heute dazu bereit, die Daten dem jeweiligen Versicherer offenzulegen. Somit haben die Verbraucher besonderes Vertrauen in Gesundheits-Apps von Krankenkassen.

Doch die Daten zur Selbstoptimierung sind hochsensibel. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob sich die Nutzungsbereitschaft zu diesem Thema weiter spalten wird. Denkbar ist, dass es einen Teil der Bevölkerung geben wird, der dem Trend folgt und dabei Kostenvorteile für sich nutzt sowie einen, der aufgrund von Datensicherheit oder ungesunder Lebensweise Mehrkosten in Kauf nimmt. Heikel wird es, wenn Geldmangel zur unfreiwilligen Datenweitergabe führt oder chronisch Kranke von diesem System benachteiligt werden, vor allem dann, wenn Versicherer lediglich Telematik-Tarife anbieten würden.

Eine komplett digitale Krankenakte verwaltet durch die Versicherungen, ersehnt von der neunen Mediziner-Generation, scheint aufgrund der damit verbundenen Ausgaben und der Sicherheits- und Datenschutzbedenken von kassenärztlichen Vereinigungen, Datenschützern und Behörden derzeit unrealisierbar. Zu einer Lösung, bei der der Patient seine Krankendaten verwaltet, gibt es hingegen schon Prototypen.

Dem Markt für Gesundheits-Programme wird dennoch großes Wachstum prognostiziert. Ein Beispiel bietet bereits heute das Gesundheitswesen. Ärzte und Mitarbeiter in Krankenhäusern profitieren jetzt schon umfangreich vom digitalen Patienten-Monitoring. Auf Smartphone und Tablet Apps finden sich neben Informationen zu den Patienten und deren Krankheitsbildern Leitlinien, Laborwertdiagnostik und Nachschlagewerke. Diese sollen künftig um Datenbanken erweitert werden, mit deren Hilfe Ärzte sich untereinander und mit Patienten austauschen können.
Aber auch die Gesundheits-Apps werden, so die Prognosen, trotz der Angst vor Datenmissbrauch steigenden Zulauf finden, da sie ansprechende Kriterien erfüllen: Sie stellen den Nutzer in den Vordergrund, versorgen ihn kontinuierlich mit interessanten News und sorgen für Belohnungen – teils sogar monetärer Art, wenn beispielsweise Beiträge der Versicherung sinken oder Boni ausgezahlt werden.

Für Versicherungen eröffnen sich hier diverse neue Möglichkeiten. Aber auch eine Datenflut, die ohne Advanced Analytics nicht mehr handhabbar ist.

Weiterführende Links

 

Summary

Versicherungsunternehmen nehmen sowohl das Thema Digitalisierung als auch Advanced Analytics ernst und Investieren in den Ausbau. Konkrete Vorreiter dabei sind Telematik-Tarife bei KFZ-Versicherungen und im Gesundheitsbereich. Doch welche Dienste leisten die Analyse-Methoden in diesen Bereichen?

Advanced Analytics ist ein unverzichtbares Tool, um Versicherungsangebote mit Telematik-Funktionen anzubieten. Die Komplexität der individuellen Nutzung kann minimiert werden hin zu konkreten Profilen, welche als Berechnungsbasis dienen.

KFZ-Telematik als Pionier im Versicherungswesen

Der Wegbereiter für individuelle Versicherungstarife war die KFZ-Telematik. Voraussetzung sind Systeme zur Übermittlung von Fahrinformationen. Den Anfang machten hier externe Blackboxen, welche lediglich die gefahrenen Kilometer berücksichtigten. Im Laufe der Zeit wurden diese teils durch Apps und später durch im Fahrzeug bereits integrierte Systeme ersetzt oder ergänzt. Inzwischen fließen in die komplexe Berechnung diverse Daten wie Fahrlage, scharfes Abbremsen, Geschwindigkeit, Nachtfahrten, schnelles Beschleunigen, Leerlaufzeit, der Straßentyp und sogar die Position ein. Wie aber der jeweilige Tarif im Programm durch die einzelnen Parameter beeinflusst wird, bleibt nach wie vor ein Betriebsgeheimnis.

Aufgrund der intensiven Datennutzung und -transparenz, der ungleichen Behandlung bei der Preisgestaltung, der Gefahr einer sozialen Ausgrenzung bei Verweigerung stößt das Angebot bei Verbraucherschützern massiv auf Kritik.
Die Gegenseite nennt jedoch zahlreiche Vorteile, die sich aus der KFZ-Telematik ergeben, wie die Optimierung der Fahrweise, Informationen zu Routen und deren Gefahren durch Vernetzung etc.  Statistiken nennen hier ein Absenken von Unfällen um bis zu rund 40 Prozent bei Telematik-Nutzern. Weitere Vorzüge entstehen bei den Anbietern dieser Tarife. Die Schadensbearbeitung und Aufdeckung von Betrugsfällen kann nachvollziehbarer werden, was eine effizientere Schadensregulierung zur Folge hat, wovon schließlich durch sinkende Beiträge ebenfalls die Kunden profitieren dürften.

Um diese Vorteile nutzen zu können, muss ein ausgereiftes Analyse-System, aufbauend auf einer immensen Datenbasis unter der Berücksichtigung hunderter von Kriterien, zur Verfügung stehen. Quasi in Echtzeit werden für die Tarifberechnung Daten gesammelt, anhand komplexer Algorithmen korreliert und zu Fahrprofilen zusammengestellt, welche stetig aktualisiert und angepasst werden. Ohne ausgereifte Analyse-Methoden wäre das Handling all dieser Daten nicht möglich.

Self-Traking mittels Health-Apps

Telematik-Tarife im Gesundheitsbereich, eher neu auf dem Markt, erfahren ebenfalls zunehmende Beachtung. Im Mittelpunkt stehen Programme zur selbständigen Kontrolle der Gesundheit, Leistungsoptimierung, gesunden Ernährung und Bewegungssteigerung. Mit Hilfe von tragbaren Systemen oder Apps sollen schlechte Gewohnheiten erkannt und vermieden werden. Werden die Daten an Krankenversicherungen weitergeleitet, können Kunden zudem Prämien oder vergünstigte Krankenversicherungs-Tarife erhalten.

Während mit steigender Tendenz schon heute rund ein Drittel der Deutschen dazu bereit wären, ihre Daten an Versicherungen zu übermitteln, warnen Verbraucherschützer vor den Gefahren.
Dennoch wirkt die Entwicklung zur steigenden Telematik-Nutzung unausweichlich. Insbesondere in Krankenhäusern profitieren Ärzte, Krankenversicherungen und Patienten, vom digitalen Patienten-Monitoring. Intelligente Systeme können die derzeit intransparenten Daten zu Krankheiten, Symptomen, Medikamenten und ihren Neben- sowie Wechselwirkungen etc. mittels intelligenter Advanced-Analytics-Methoden entwirren und nach Zusammenhängen durchleuchten. Bei ausreichender Datensicherheit würden davon sowohl die Ärzte und Krankenversicherungen als auch die Patienten profitieren.

Katy Spalek

Katy Spalek

Manager Corporate Publishing bei BROCKHAUS AG
Katy Spalek ist bei der BROCKHAUS AG als Redakteurin für die Bereiche Marketing und Vertrieb zuständig und verantwortet Recherche, Verfassen und Layout von Texten zur Kundenkommunikation. Für das blogHAUS verfasst sie Beiträge über aktuelle Trendthemen aus IT, Marketing und Wirtschaft.
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